Offene Treppe im Wohnraum: Akustik und Absturzsicherung richtig planen

Offene Treppe im Wohnraum: Akustik und Absturzsicherung richtig planen

Angela Shanks 7 Feb 2026

Wenn du eine offene Treppe in deinem Wohnraum planst, denkst du wahrscheinlich zuerst an das moderne Aussehen, das luftige Gefühl und die elegante Verbindung zwischen den Etagen. Aber hinter dieser Ästhetik steckt ein komplexes Zusammenspiel aus Schallschutz und Absturzsicherung - zwei Bereiche, die oft unterschätzt werden, bis es zu Problemen kommt. Eine offene Treppe klingt nicht nur lauter, als man denkt - sie überträgt Schall direkt in die Wohnbereiche. Und wenn das Geländer nicht richtig dimensioniert ist, wird aus einem Design-Highlight ein Sicherheitsrisiko.

Warum offene Treppen so laut sein können

Im Gegensatz zu geschlossenen Treppenhäusern, die wie ein Schallisolationskasten wirken, ist eine offene Treppe ein direkter Kanal für Lärm. Jeder Trittschall, jedes Fallen eines Gegenstands, jede Tür, die zufällt - alles wird ungefiltert in die darunterliegenden Räume transportiert. Das ist besonders kritisch in Mehrfamilienhäusern oder Reihenhäusern, wo die Treppe direkt an Wohnräume grenzt.

Die gesetzliche Grundlage ist die DIN 4109-1:2018-01 ist die nationale Norm für Schallschutz im Hochbau und legt Mindestanforderungen an Trittschallpegel fest. Danach darf der bewertete Norm-Trittschallpegel (L'n,w) in Mehrfamilienhäusern nicht über 53 dB liegen. Klingt viel? Ist es auch. Aber in der Praxis ist das nur die unterste Grenze. Wer wirklich ruhig leben will, kommt an dieser Zahl kaum vorbei - und das, obwohl viele Treppenkonstruktionen diese Werte schon mit Standardlösungen nicht erreichen.

Die Deutsche Gesellschaft für Akustik (DEGA) ist eine unabhängige Fachgesellschaft, die höhere Schallschutzstandards für Wohnräume empfiehlt hat in ihrer Empfehlung Nr. 103 klare Ziele formuliert: Für Wohnräume, in denen Ruhe und Entspannung zählen, sollte der Trittschallpegel maximal 40 dB betragen - das ist die sogenannte DEGA-Klasse B. Ein Unterschied von 13 dB klingt nicht viel, aber in der Wahrnehmung ist das fast die Hälfte des Lärms. Ein Pegel von 53 dB fühlt sich an wie ein starker, kontinuierlicher Schritt - 40 dB ist fast unhörbar, nur ein leises Klopfen.

Was passiert, wenn die Treppe nicht entkoppelt ist?

Die größte Fehlerquelle bei offenen Treppen ist die direkte Verbindung zwischen Treppenläufen und den umgebenden Bauteilen. Wenn der Beton der Treppe fest mit den Wänden oder Decken verbunden ist, wird jeder Schritt zu einer Vibration, die durch das gesamte Gebäude wandert. Das nennt man eine Schallbrücke - und sie ist der Hauptgrund, warum viele offene Treppen zu laut sind.

Die Lösung ist die schalltechnische Entkopplung ist ein Konstruktionsprinzip, bei dem die Treppe mechanisch von den umgebenden Bauteilen getrennt wird, um Schallübertragung zu verhindern. Dafür gibt es spezielle Systeme wie den Schöck’s Isokorb® Typ T ist ein thermisch entkoppeltes, schallisolierendes Tragelement für Betontreppen, das in der Praxis häufig verwendet wird. Diese Elemente verbinden die Treppe mit dem Gebäude, ohne dass Schall durch Metall oder Beton übertragen wird. Ohne solche Lösungen ist eine offene Treppe in einem modernen Haus kaum baurechtlich zulässig - und schon gar nicht lebenswert.

Bei Holz- oder Metalltreppen hilft die Verwendung von Punktauflagern aus Hartgummi oder Neopren sind elastische Lagerungselemente, die Körperschall zwischen Stufen und Träger dämpfen. Diese kleinen Dämpfer unter den Stufen absorbieren die Energie, bevor sie in die Decke oder die Wand gelangt. Einige Hersteller bieten sogar Stufen mit integrierter Dämpfung an - eine Investition, die sich in der langfristigen Wohnqualität auszahlt.

Glasgeländer an offener Treppe mit Abständen unter 12 cm und sichtbaren Dämpfungselementen unter den Stufen.

Absturzsicherung: Was wirklich zählt

Ein oft übersehenes Thema: Das Geländer. Die DIN 4109 regelt ausschließlich den Schallschutz und enthält keine Vorgaben für Geländerhöhe oder Abstände - das macht sie zu einer unvollständigen Grundlage für die Sicherheit. Stattdessen greift die Landesbauordnung ist das rechtliche Regelwerk jedes Bundeslandes für den Bau von Gebäuden, einschließlich Treppen und Geländer in deinem Bundesland. Hier steht meistens klar: Geländer müssen mindestens 90 cm hoch sein, und die Zwischenräume zwischen den Stäben dürfen nicht mehr als 12 cm betragen.

Warum genau 12 cm? Weil das die maximale Breite ist, durch die ein Kleinkind nicht durchrutschen kann. Eine offene Treppe mit breiten Abständen oder dünnen Stäben mag elegant aussehen - aber sie ist ein Risiko. Besonders in Familien mit kleinen Kindern ist das kein Luxus, sondern eine Pflicht. Auch bei Treppen mit Glas als Geländer gibt es Regeln: Die Scheiben müssen Sicherheitsglas sein, und die Befestigung muss so konstruiert sein, dass sie auch bei starker Belastung (zum Beispiel wenn jemand sich dagegen lehnt) nicht nachgibt.

Ein weiterer Punkt: Die Laufbreite. Die Treppennorm ist eine technische Richtlinie, die die nutzbare Breite von Treppen je nach Nutzung (Wohnhaus, Mehrfamilienhaus) vorschreibt legt fest, wie breit eine Treppe sein muss, um sicher und bequem benutzt werden zu können. In Wohnhäusern mit wenig Verkehr reichen 80 cm - in Mehrfamilienhäusern mit vielen Nutzern sind 100 bis 110 cm Pflicht. Das wird oft ignoriert, wenn die Treppe als Designelement gedacht ist. Aber eine zu schmale Treppe ist nicht nur unbequem - sie wird im Notfall zur Gefahr.

Was Experten wirklich empfehlen

Architekten und Akustiker sind sich einig: Eine offene Treppe im Wohnraum braucht mehr als nur eine schöne Form. Die DEGA-Empfehlung Nr. 103 ist eine freiwillige, aber hochwertige Richtlinie für akustischen Wohnraumschutz, die über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgeht fordert nicht nur eine Entkopplung, sondern auch aktive Schallabsorption. Dazu gehört zum Beispiel ein Akustikbild im Treppenauge ist ein akustisch wirksames Element, das an der Decke oder Wand im Treppenloch angebracht wird, um Schall zu absorbieren. Aber Achtung: Ein zu kleines Bild bringt nichts. Es muss mindestens 20 % der Fläche des Treppenauges ausmachen, damit es wirkt. Die Akustikbild-Manufaktur hat gemessen: Bei Flächen unter 1,5 m² ist der Effekt kaum spürbar.

Ein weiterer Tipp: Die Oberflächen. Eine Treppe mit Holzstufen und einer glatten Holzdecke ist eine Schallmaschine. Besser: Holz mit einer weichen, porösen Oberfläche - wie ein geöltes Holz mit Mikrostruktur - oder Teppichboden auf den ersten Stufen. Auch Wandverkleidungen aus Holzwolleplatten oder schallabsorbierenden Paneelen helfen. Sie reduzieren den Nachhall und machen den Raum nicht nur leiser, sondern auch angenehmer.

Vergleich von schallübertragender und schallgedämpfter Treppe mit Lärmpegeln von 53 dB und 40 dB.

Die Zukunft: Mehr Schutz, weniger Kompromisse

Die Normen werden sich weiter verschärfen. Die DIN SPEC 91314 ist eine Übergangsregelung von 2017, die strengere Werte für Doppel- und Reihenhäuser festlegt mit einem Grenzwert von 38 dB für unterkellerte Gebäude zeigt, dass die Industrie bereits auf die nächste Stufe vorbereitet ist. In Österreich, wo die ÖNORM B 8115 einen Maximalwert von 43 dB vorschreibt, ist man schon weiter als in vielen deutschen Projekten.

Was bleibt? Eine offene Treppe ist kein einfaches Design-Element. Sie ist ein technisches System, das sorgfältig geplant werden muss. Wer nur an die Optik denkt, läuft Gefahr, später mit Lärm, Nachbarn und Bauaufsichtsbehörden zu kämpfen. Wer aber Schallschutz, Sicherheit und Ästhetik von Anfang an zusammen denkt, erhält nicht nur eine schöne Treppe - sondern einen Raum, in dem man sich wirklich wohlfühlt.

Was du bei der Planung beachten solltest

  • Frage nach der DEGA-Klasse B (L'n,w ≤ 40 dB) - nicht nur nach der DIN-Mindestanforderung.
  • Verlange schalltechnische Entkopplung mit Isokorb® oder vergleichbaren Systemen - nicht nur eine Betonkonstruktion.
  • Prüfe die Geländerhöhe (mindestens 90 cm) und Abstände (max. 12 cm) nach deiner Landesbauordnung.
  • Vermeide glatte Flächen unter der Treppe - nutze schallabsorbierende Materialien.
  • Plane ein Akustikbild im Treppenauge ein - mindestens 1,5 m² Fläche.
  • Überprüfe die Laufbreite: Mindestens 80 cm in Ein- oder Zweifamilienhäusern, 100 cm in Mehrfamilienhäusern.

Kann ich eine offene Treppe ohne Schallschutz bauen?

Technisch ja - aber rechtlich nicht. Die DIN 4109 legt Mindestanforderungen fest, die bei offenen Treppen oft nicht erreicht werden, wenn keine Entkopplung oder Dämpfung eingesetzt wird. Bauaufsichtsbehörden können den Bau nachträglich untersagen, wenn der Schallpegel die Grenzwerte überschreitet. Auch Nachbarn können Schadensersatz verlangen, wenn der Lärm unzumutbar ist. Es lohnt sich nicht, auf Schallschutz zu verzichten.

Ist ein Glasgeländer bei offenen Treppen sicher?

Ja - aber nur, wenn es aus Sicherheitsglas (ESG oder VSG) besteht und richtig befestigt ist. Die Scheiben müssen mindestens 10 mm dick sein und in einer stabilen Halterung montiert werden, die auch seitliche Kräfte aushält. Die Abstände zwischen den Glasplatten dürfen nicht mehr als 12 cm betragen. Ein Glasgeländer ist optisch elegant, aber nicht automatisch sicher. Eine professionelle Planung ist Pflicht.

Welche Materialien dämpfen den Trittschall am besten?

Die besten Dämpfer sind elastische Lagerungen (Hartgummi, Neopren) unter den Stufen, weiche Oberflächen wie Holz mit öliger Struktur, Teppichboden auf den ersten Stufen und schallabsorbierende Decken- oder Wandpaneelen im Treppenauge. Metall und glatt polierter Stein verstärken den Schall. Holz ist besser als Stahl, aber nur, wenn es nicht auf harten Untergründen liegt.

Warum gibt es keine Norm für Treppengeländer?

Die DIN 4109 konzentriert sich ausschließlich auf den Schallschutz. Die Absturzsicherung fällt unter die Landesbauordnungen, die in jedem Bundesland unterschiedlich sind. Die VDI-Richtlinie 4100, die früher dazu diente, wurde aufgehoben. Deshalb ist es wichtig, sich an die Vorgaben deines Bundeslandes zu halten - nicht an eine bundesweite Norm, die es gar nicht gibt.

Wie viel kostet eine schallgedämpfte offene Treppe?

Eine einfache Holztreppe ohne Schallschutz kostet etwa 1.500 bis 2.500 Euro. Eine schallgedämpfte Version mit Isokorb®, Punktauflagern, Akustikbild und Sicherheitsgeländer liegt bei 4.000 bis 7.000 Euro - je nach Größe und Material. Das ist doppelt bis dreimal so viel, aber es verhindert späteren Nachrüstungsaufwand, Streit mit Nachbarn und mögliche Baustillstände. Es ist eine Investition in die Lebensqualität.