Deutschland hat ein Problem, das viele nicht sehen, aber alle spüren: Es werden zu wenige Wohnungen gebaut. Nicht nur wenige - neunmal weniger als nötig. Während jedes Jahr mindestens 400.000 neue Wohnungen gebraucht werden, um den Bedarf zu decken, genehmigen die Behörden im Schnitt nur etwa 280.000. Das ist kein kleiner Rückschlag. Das ist ein Systemversagen.
Was wirklich hinter den Zahlen steckt
Die Statistiken klingen erst mal beruhigend: Im ersten Halbjahr 2025 wurden 110.000 Wohnungen genehmigt - das ist ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Aber das ist wie ein kleiner Regen nach einer langen Dürre. Es hilft nicht. Der Wert liegt auf dem Niveau von 2010. Und das ist kein Erfolg, das ist ein Alarm. Denn jede genehmigte Wohnung ist noch lange nicht gebaut. Die durchschnittliche Zeit zwischen Genehmigung und Fertigstellung beträgt fast zwei Jahre - bei Mehrfamilienhäusern sogar fast drei. Das heißt: Die Wohnungen, die jetzt genehmigt werden, kommen erst 2027 auf den Markt. Und bis dahin wird der Druck nur größer.Die falschen Häuser werden gebaut
Hier kommt der wahre Skandal: Die wenigsten neuen Wohnungen sind für diejenigen gedacht, die sie am dringendsten brauchen. Einfamilienhäuser boomen. Im ersten Halbjahr 2025 stieg ihre Genehmigungsrate um 14,1 %. Das klingt gut - bis man weiß, dass diese Häuser Fläche verschlingen, Infrastruktur überlasten und in den Städten kaum Platz haben. In Berlin, München oder Hamburg braucht man keine Einfamilienhäuser. Man braucht Mehrfamilienhäuser - mit 3, 5, 10 Wohnungen pro Haus. Aber genau die werden fast nicht mehr genehmigt. Im ersten Halbjahr 2025 stieg ihre Zahl nur um 0,1 % - also praktisch gar nicht. 57.300 Wohnungen. Das ist weniger als die Hälfte dessen, was 2021 genehmigt wurde. Und Experten sagen: 85 % der städtischen Wohnungsnot lässt sich nur mit Mehrfamilienhäusern lösen. Stattdessen bauen wir Villen am Stadtrand. Und die Leute in den Innenstädten bleiben draußen.Warum dauert es so lange?
Ein Haus zu bauen, dauert heute nicht mehr deshalb so lange, weil die Arbeiter fehlen - obwohl das auch stimmt. Der Hauptgrund ist: Die Bürokratie. 68 % der Bauunternehmen brauchen mehr als sechs Monate für eine Genehmigung. In Berlin sind es durchschnittlich 9,3 Monate. Warum? Weil das Bauamt keine Mitarbeiter hat. 72 % der Unternehmen nennen den Personalmangel als Hauptursache. Weil die Anforderungen an Klimaschutz, Brandschutz und Lärmschutz nicht koordiniert sind. Ein Fall aus München: Ein Haus mit 32 Wohnungen lag 14 Monate lang auf dem Schreibtisch, weil Feuerwehr und Umweltamt sich nicht einigen konnten. Und das ist kein Einzelfall. Das sogenannte "Bau-Turbo"-Programm der Bundesregierung, das 2024 gestartet wurde, um Verfahren zu beschleunigen, funktioniert in nur 42 % der Städte. In den meisten Kommunen läuft alles noch per Papier, Fax und Warteschlange.
Kosten steigen, Mieten nicht
Die Baukosten sind seit 2021 um 52 % gestiegen. Eine Quadratmeterwohnung kostet heute 2.553 Euro - vor fünf Jahren waren es 1.850 Euro. Die Mieten sind dagegen nur um 18 % gestiegen. Was heißt das? Ein Investor, der heute ein Mehrfamilienhaus baut, rechnet mit Verlust. Er kann die Kosten nicht über die Miete decken. Deshalb investieren viele nicht mehr. Oder sie bauen nur noch in Regionen, wo Grundstücke billig sind - also außerhalb der Städte. Aber dort brauchen die Menschen nicht zu wohnen. Sie brauchen Wohnungen in der Nähe von Arbeit, Schule, Bahn. Und dort ist der Boden teuer. Und die Genehmigungen rar. Und die Kosten hoch. Ein Teufelskreis.Was die Politik tut - und was sie nicht tut
Die Bundesregierung hat ein Sozialwohnungsprogramm mit 4,2 Milliarden Euro aufgelegt. Das ist gut. 120.000 Euro pro Wohnung als Zuschuss - das hilft ein bisschen. Aber das ist wie ein Pflaster auf eine offene Wunde. Es geht nicht um einzelne Sozialwohnungen. Es geht um das System. Die Baugenehmigungen für Mehrfamilienhäuser müssen schneller, einfacher, klarer werden. Die Fachkräfte müssen kommen - und zwar jetzt. Deshalb hat das Ministerium im September 2025 ein neues Gesetz angekündigt: Qualifizierte Bauarbeiter aus Drittländern sollen ab Januar 2026 schneller einreisen dürfen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber es kommt zu spät. Die Baustellen warten. Die Menschen warten. Und die Zahlen sagen: Bis 2030 brauchen wir 1,2 Millionen neue Wohnungen. Bei den aktuellen Genehmigungsraten schaffen wir es auf 300.000 pro Jahr. Das ist ein Defizit von 900.000 Wohnungen. In zehn Jahren.
Was passiert, wenn nichts passiert?
Wenn wir nichts ändern, wird die Wohnungsnot nicht nur größer - sie wird unerträglich. Die Mieten steigen weiter. Die Menschen ziehen in die Vororte, in die Nachbarstädte, in die Ferne. Die Städte verlieren ihre Vielfalt. Die Infrastruktur bricht zusammen, weil zu wenig Wohnraum für zu viele Menschen da ist. Die Bauindustrie hat es klar gesagt: Ohne Verbesserungen bei Genehmigungen und Fachkräften wird Deutschland bis 2030 1,5 Millionen Wohnungen unter dem benötigten Niveau haben. Das ist kein Szenario. Das ist eine Prognose. Und sie ist realistisch.Was kann man tun?
Als Mieter? Du kannst nicht direkt die Genehmigungen beeinflussen. Aber du kannst dich informieren. Du kannst dich in deiner Stadt engagieren. Frag nach: Wie viele Mehrfamilienhäuser wurden in den letzten zwei Jahren genehmigt? Wo liegen die Baustellen? Warum dauert es so lange? Als Bürger: Du kannst Druck machen. Wähle Politiker, die nicht nur über Einfamilienhäuser reden, sondern über bezahlbaren Wohnraum. Als Investor? Du musst dich an die neuen Regeln halten - aber auch an die neuen Chancen. Die Bundesregierung plant, die KfW-75-Standards abzusenken, um Kosten zu senken. Das könnte ein Anfang sein. Aber es ist kein Endpunkt.Die Lösung liegt nicht in mehr Geld. Sie liegt in mehr Effizienz. In klaren Regeln. In schnelleren Verfahren. In Menschen, die arbeiten. Und in der Erkenntnis: Wir brauchen nicht mehr Häuser. Wir brauchen mehr Wohnungen - und zwar dort, wo die Menschen leben wollen.