Neubauquoten und Baugenehmigungen: Warum Deutschland immer weniger Wohnungen baut, als nötig wäre

Neubauquoten und Baugenehmigungen: Warum Deutschland immer weniger Wohnungen baut, als nötig wäre

Anneliese Kranz 16 Feb 2026

Deutschland hat ein Problem, das viele nicht sehen, aber alle spüren: Es werden zu wenige Wohnungen gebaut. Nicht nur wenige - neunmal weniger als nötig. Während jedes Jahr mindestens 400.000 neue Wohnungen gebraucht werden, um den Bedarf zu decken, genehmigen die Behörden im Schnitt nur etwa 280.000. Das ist kein kleiner Rückschlag. Das ist ein Systemversagen.

Was wirklich hinter den Zahlen steckt

Die Statistiken klingen erst mal beruhigend: Im ersten Halbjahr 2025 wurden 110.000 Wohnungen genehmigt - das ist ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Aber das ist wie ein kleiner Regen nach einer langen Dürre. Es hilft nicht. Der Wert liegt auf dem Niveau von 2010. Und das ist kein Erfolg, das ist ein Alarm. Denn jede genehmigte Wohnung ist noch lange nicht gebaut. Die durchschnittliche Zeit zwischen Genehmigung und Fertigstellung beträgt fast zwei Jahre - bei Mehrfamilienhäusern sogar fast drei. Das heißt: Die Wohnungen, die jetzt genehmigt werden, kommen erst 2027 auf den Markt. Und bis dahin wird der Druck nur größer.

Die falschen Häuser werden gebaut

Hier kommt der wahre Skandal: Die wenigsten neuen Wohnungen sind für diejenigen gedacht, die sie am dringendsten brauchen. Einfamilienhäuser boomen. Im ersten Halbjahr 2025 stieg ihre Genehmigungsrate um 14,1 %. Das klingt gut - bis man weiß, dass diese Häuser Fläche verschlingen, Infrastruktur überlasten und in den Städten kaum Platz haben. In Berlin, München oder Hamburg braucht man keine Einfamilienhäuser. Man braucht Mehrfamilienhäuser - mit 3, 5, 10 Wohnungen pro Haus. Aber genau die werden fast nicht mehr genehmigt. Im ersten Halbjahr 2025 stieg ihre Zahl nur um 0,1 % - also praktisch gar nicht. 57.300 Wohnungen. Das ist weniger als die Hälfte dessen, was 2021 genehmigt wurde. Und Experten sagen: 85 % der städtischen Wohnungsnot lässt sich nur mit Mehrfamilienhäusern lösen. Stattdessen bauen wir Villen am Stadtrand. Und die Leute in den Innenstädten bleiben draußen.

Warum dauert es so lange?

Ein Haus zu bauen, dauert heute nicht mehr deshalb so lange, weil die Arbeiter fehlen - obwohl das auch stimmt. Der Hauptgrund ist: Die Bürokratie. 68 % der Bauunternehmen brauchen mehr als sechs Monate für eine Genehmigung. In Berlin sind es durchschnittlich 9,3 Monate. Warum? Weil das Bauamt keine Mitarbeiter hat. 72 % der Unternehmen nennen den Personalmangel als Hauptursache. Weil die Anforderungen an Klimaschutz, Brandschutz und Lärmschutz nicht koordiniert sind. Ein Fall aus München: Ein Haus mit 32 Wohnungen lag 14 Monate lang auf dem Schreibtisch, weil Feuerwehr und Umweltamt sich nicht einigen konnten. Und das ist kein Einzelfall. Das sogenannte "Bau-Turbo"-Programm der Bundesregierung, das 2024 gestartet wurde, um Verfahren zu beschleunigen, funktioniert in nur 42 % der Städte. In den meisten Kommunen läuft alles noch per Papier, Fax und Warteschlange.

Kontrastierende Darstellung von Einfamilienhäusern und Mehrfamilienhäusern mit einer roten Pfeil-Visualisierung des Wohnungsbedarfs.

Kosten steigen, Mieten nicht

Die Baukosten sind seit 2021 um 52 % gestiegen. Eine Quadratmeterwohnung kostet heute 2.553 Euro - vor fünf Jahren waren es 1.850 Euro. Die Mieten sind dagegen nur um 18 % gestiegen. Was heißt das? Ein Investor, der heute ein Mehrfamilienhaus baut, rechnet mit Verlust. Er kann die Kosten nicht über die Miete decken. Deshalb investieren viele nicht mehr. Oder sie bauen nur noch in Regionen, wo Grundstücke billig sind - also außerhalb der Städte. Aber dort brauchen die Menschen nicht zu wohnen. Sie brauchen Wohnungen in der Nähe von Arbeit, Schule, Bahn. Und dort ist der Boden teuer. Und die Genehmigungen rar. Und die Kosten hoch. Ein Teufelskreis.

Was die Politik tut - und was sie nicht tut

Die Bundesregierung hat ein Sozialwohnungsprogramm mit 4,2 Milliarden Euro aufgelegt. Das ist gut. 120.000 Euro pro Wohnung als Zuschuss - das hilft ein bisschen. Aber das ist wie ein Pflaster auf eine offene Wunde. Es geht nicht um einzelne Sozialwohnungen. Es geht um das System. Die Baugenehmigungen für Mehrfamilienhäuser müssen schneller, einfacher, klarer werden. Die Fachkräfte müssen kommen - und zwar jetzt. Deshalb hat das Ministerium im September 2025 ein neues Gesetz angekündigt: Qualifizierte Bauarbeiter aus Drittländern sollen ab Januar 2026 schneller einreisen dürfen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber es kommt zu spät. Die Baustellen warten. Die Menschen warten. Und die Zahlen sagen: Bis 2030 brauchen wir 1,2 Millionen neue Wohnungen. Bei den aktuellen Genehmigungsraten schaffen wir es auf 300.000 pro Jahr. Das ist ein Defizit von 900.000 Wohnungen. In zehn Jahren.

Eine Uhr aus Bauplänen tickt langsam, während ein Bauarbeiter von Bürokratie umgeben ist und eine Stadt mit leeren Fenstern wartet.

Was passiert, wenn nichts passiert?

Wenn wir nichts ändern, wird die Wohnungsnot nicht nur größer - sie wird unerträglich. Die Mieten steigen weiter. Die Menschen ziehen in die Vororte, in die Nachbarstädte, in die Ferne. Die Städte verlieren ihre Vielfalt. Die Infrastruktur bricht zusammen, weil zu wenig Wohnraum für zu viele Menschen da ist. Die Bauindustrie hat es klar gesagt: Ohne Verbesserungen bei Genehmigungen und Fachkräften wird Deutschland bis 2030 1,5 Millionen Wohnungen unter dem benötigten Niveau haben. Das ist kein Szenario. Das ist eine Prognose. Und sie ist realistisch.

Was kann man tun?

Als Mieter? Du kannst nicht direkt die Genehmigungen beeinflussen. Aber du kannst dich informieren. Du kannst dich in deiner Stadt engagieren. Frag nach: Wie viele Mehrfamilienhäuser wurden in den letzten zwei Jahren genehmigt? Wo liegen die Baustellen? Warum dauert es so lange? Als Bürger: Du kannst Druck machen. Wähle Politiker, die nicht nur über Einfamilienhäuser reden, sondern über bezahlbaren Wohnraum. Als Investor? Du musst dich an die neuen Regeln halten - aber auch an die neuen Chancen. Die Bundesregierung plant, die KfW-75-Standards abzusenken, um Kosten zu senken. Das könnte ein Anfang sein. Aber es ist kein Endpunkt.

Die Lösung liegt nicht in mehr Geld. Sie liegt in mehr Effizienz. In klaren Regeln. In schnelleren Verfahren. In Menschen, die arbeiten. Und in der Erkenntnis: Wir brauchen nicht mehr Häuser. Wir brauchen mehr Wohnungen - und zwar dort, wo die Menschen leben wollen.

9 Kommentare

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    Angela Francia

    Februar 18, 2026 AT 02:37
    Also ich find’s krass, dass man immer noch glaubt, mehr Einfamilienhäuser bauen = mehr Wohnungen. 🤦‍♀️ Wir brauchen Dichte, nicht Villen am Stadtrand. Und nein, ich will nicht in Brandenburg wohnen, nur weil Berlin zu teuer ist.
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    Leon Xuereb

    Februar 19, 2026 AT 01:01
    Ja, also... ich verstehe, dass die Zahlen dramatisch klingen, aber irgendwie ist das ja immer das Gleiche: Jedes Jahr gibt es einen neuen "Alarm", eine neue "Krise", eine neue "Prognose". Aber mal ehrlich: Wenn du 68 % der Bauunternehmen sagen, dass sie mehr als sechs Monate auf eine Genehmigung warten, dann liegt das nicht an der Politik, sondern an der strukturellen Verkalkung der Verwaltung. Jedes Amt hat noch immer einen Faxgerät, der nur noch funktioniert, wenn man ihm einen Kaffee hinhält. Und die Leute, die da arbeiten? Die sind überlastet, unterbezahlt und haben keine Ahnung, was "Bau-Turbo" eigentlich bedeutet. Also ja, es ist ein Systemversagen. Aber es ist kein politisches Versagen. Es ist ein bürokratisches Monster, das wir alle mitgezüchtet haben. Und jetzt wundern wir uns, dass es uns frisst. 🤷‍♂️
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    Jerka Vandendael

    Februar 20, 2026 AT 07:43
    Ich denke oft darüber nach, wie viel Energie wir in die falschen Dinge stecken 🌍 Die Frage ist nicht, ob wir mehr bauen können. Die Frage ist: Warum bauen wir nicht das, was wir wirklich brauchen? Warum reden wir über Einfamilienhäuser, als wäre das der Standard? Warum nicht über Wohnblocks mit Grünflächen, mit Kitas unten, mit Bussen davor? Warum ist es so schwer, einfach menschlich zu denken? Ich bin nicht gegen Häuser. Ich bin gegen Systeme, die uns dazu bringen, uns an Dinge zu klammern, die uns nicht mehr dienen. Wir brauchen kein mehr. Wir brauchen ein anders.
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    Oliver Wade

    Februar 20, 2026 AT 12:24
    Ihr alle redet wie Kinder, die glauben, ein paar Plakate und ein paar Tweets lösen das Problem. Es gibt keine "Lösung". Es gibt nur eine Wahrheit: Deutschland hat sich entschieden, nicht mehr zu wachsen. Nicht weil es nicht kann. Sondern weil es nicht will. Die Leute wollen ihre Ruhe. Ihre Gärten. Ihre Einfamilienhäuser. Und wenn die Stadt dicht wird? Dann ziehen sie weg. Oder sie kriegen eine neue Wohnung. Und wenn nicht? Dann kriegen sie halt keine. Die Realität ist brutal. Und die Politik ist ein Clown, der mit einem Bier in der Hand versucht, ein Haus aus Papier zu bauen. Ich habe keine Hoffnung. Und ich will auch keine.
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    Jan Jageblad

    Februar 21, 2026 AT 02:05
    Ich glaub trotzdem, dass es besser wird. Ich hab letzte Woche in Leipzig einen Neubau gesehen – 120 Wohnungen in 4 Gebäuden, alle mit Solar, Fahrradgaragen, Gemeinschaftsgarten. Und das war nur ein kleiner Projektträger. Die Leute bauen. Die Leute wollen. Die Politik hält nur zurück. Aber wenn jeder von uns ein bisschen Druck macht – in der Stadtverwaltung, beim Bauamt, beim Bürgermeister – dann wird es sich drehen. Es ist kein Wunder. Aber es ist möglich. Und ich bin dabei.
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    Paul O'Sullivan

    Februar 22, 2026 AT 11:08
    Ihr habt alle vergessen, dass der Begriff "Mehrfamilienhaus" in Deutschland seit 1992 als Synonym für "sozialer Brennpunkt" verstanden wird. Und nein, das ist nicht nur eine Stigmatisierung. Das ist eine strukturelle Realität. Wer baut heute noch ein 10-Familien-Haus? Jemand, der keine Ahnung hat. Oder jemand, der gezwungen ist. Weil die Kommunen keine Alternativen zulassen. Und dann wundern wir uns, dass die Leute in die Vororte fliehen? Die Leute fliehen nicht vor der Stadt. Sie fliehen vor der Angst. Vor der Unsicherheit. Vor der Vorstellung, dass sie in einem Gebäude mit 30 anderen Menschen leben, die sie nicht kennen. Und ihr? Ihr redet von "Effizienz". Aber ihr redet nicht von der Angst. Und das ist das Problem.
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    erwin dado

    Februar 24, 2026 AT 06:39
    Die Lösung ist einfach: Mehr Personal in den Bauämtern. Mehr digitale Prozesse. Weniger Papier. Weniger Fax. Mehr klare Regeln. Keine 17 verschiedene Vorschriften, die sich widersprechen. Und dann wird es funktionieren. Es ist kein Rätsel. Es ist ein Managementproblem. Und Management kann man lernen.
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    Sonja Schöne

    Februar 24, 2026 AT 10:22
    Mieten steigen nicht genug um die Kosten zu decken. Also bauen sie halt nicht. Punkt. Fertig.
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    Patrick Bürgler

    Februar 25, 2026 AT 20:45
    Fakt: 85 % der städtischen Wohnungsnot löst man mit Mehrfamilienhäusern. Fakt: 72 % der Bauunternehmen nennen Personalmangel als Hauptproblem. Fakt: Die Baukosten sind +52 %, Mieten +18 %. Lösung? Entweder du senkst die Standards für Klima und Lärmschutz – oder du gibst den Kommunen Geld, um Personal einzustellen. Alles andere ist Theater. Und das Theater läuft aus. In 2026.

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