Nachhaltige Immobilien: DGNB, BREEAM & Marktakzeptanz im Detail

Nachhaltige Immobilien: DGNB, BREEAM & Marktakzeptanz im Detail

Angela Shanks 18 Mai 2026

Wenn Sie heute eine Immobilie kaufen oder vermieten, geht es nicht mehr nur um die Lage und den Quadratmeterpreis. Die Frage, wie nachhaltig ein Gebäude ist, entscheidet oft über den Wert und die Finanzierungsmöglichkeiten. In Deutschland boomt der Markt für grüne Zertifikate. Im Jahr 2022 wurden bereits über 2.800 Immobilien zertifiziert - ein Rekordwert. Doch welches System ist das richtige? Und was bedeutet das für Ihre Investition?

Der Weg zu einer nachhaltigen Immobilie führt fast immer durch einen Dickicht an Abkürzungen. DGNB, BREEAM, LEED, QNG, KfW - die Liste ist lang. Viele Eigentümer und Investoren stehen vor dem gleichen Problem: Sie wollen ihr Gebäude nachweisen, dass es umweltfreundlich ist, aber wissen nicht, welches Label wirklich anerkannt wird und welchen Mehrwert es bringt. Dieser Artikel klärt auf, welche Systeme dominieren, wie sie funktionieren und warum die Akzeptanz am Markt so stark wächst.

Die großen Player: DGNB, BREEAM und LEED

Auf dem deutschen Markt gibt es drei Hauptakteure, wenn es um Nachhaltigkeitszertifizierungen geht. Jedes System hat seine eigene Philosophie und Zielgruppe. Wer sich hier verläuft, riskiert Zeit- und Geldverschwendung.

Vergleich der wichtigsten Zertifizierungssysteme in Deutschland
System Herkunft / Fokus Stärken Ideale Einsatzgebiete
DGNB Deutschland (lokal) Höchste Anerkennung in DE, deckt alle Säulen ab, QNG-kompatibel Neubau (Marktanteil >80%), öffentliche Projekte
BREEAM Großbritannien (international) Flexibel, deutsche Sprachversion verfügbar, etabliert Bestandsimmobilien, internationale Portfolios
LEED USA (global) Weltweite Vergleichbarkeit, Prestige-Faktor Multinationale Konzerne, globale Standards

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) ist klarer Marktführer im Neubau. Mit einem Anteil von über 80 Prozent dominiert sie das Segment. Das liegt vor allem daran, dass das System speziell auf deutsche Gegebenheiten zugeschnitten ist. Es bewertet bis zu sechs Themenfelder, die sich strikt an den drei Säulen der Nachhaltigkeit orientieren: Ökologie, Ökonomie und Soziokulturelles. Das Ergebnis ist ein Punkte-system, das Stufen von Bronze bis Platin vergibt.

BREEAM, vertreten im DACH-Raum durch TÜV SÜD, schneidet bei Bestandsimmobilien besser ab. Der große Vorteil: Die Unterlagen können in deutscher Sprache eingereicht werden. Das spart Übersetzungskosten und verkürzt den Prozess. Für internationale Unternehmen bleibt BREEAM jedoch oft die erste Wahl, da es weltweit als Standard gilt.

LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) stammt aus den USA. Es ist besonders bei multinationalen Konzernen beliebt, die ihre Gebäude weltweit vergleichen wollen. Ein bekanntes Beispiel ist die Deutsche Bank, die viele ihrer Neubauten sowohl nach DGNB als auch nach LEED zertifizieren lässt, um beide Märkte bedienen zu können.

Warum die DGNB in Deutschland unangefochten ist

Es gibt keinen Zufall, dass die DGNB so dominant ist. Das System wurde 2007 gemeinsam mit dem Bundesministerium entwickelt und startete 2009. Es spricht die Sprache der deutschen Bauindustrie und Behörden. Alexander Rüb, Experte für nachhaltiges Bauen, bestätigt: "In Zahlen ist DGNB das führende System. Das verrät aber keine allgemeingültige Lösung." Gemeint ist damit, dass andere Systeme ebenfalls gut funktionieren können, aber die DGNB den lokalen Kontext am besten abbildet.

Ein entscheidender Faktor ist die Verzahnung mit staatlichen Förderprogrammen. Wenn Sie Förderung von der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) erhalten möchten, benötigen Sie oft ein anerkanntes Zertifikat. Hier kommt das QNG-Siegel (Qualitätssiegel nachhaltiges Gebäude) ins Spiel. Um dieses Siegel zu erhalten, müssen Sie konform sein mit einem der vier anerkannten Systeme: DGNB, NaWoh, BiRN oder BNB. Da die DGNB am weitesten verbreitet ist, ist sie de facto der einfachste Weg zur Förderung.

Ohne diese Konformität erreichen Sie nicht die höchsten Förderstufen der KfW. Das macht die Zertifizierung nicht nur zum Marketing-Instrument, sondern zur finanziellen Notwendigkeit.

Konzeptionelle Darstellung von DGNB für Neubauten und BREEAM für Bestandsimmobilien

BREEAM vs. DGNB: Was passt zu Ihrem Projekt?

Obwohl die DGNB führend ist, heißt das nicht, dass BREEAM irrelevant wäre. Gerade im Bestand sind viele Eigentümer mit BREEAM zufriedener. Warum? Weil das System flexibler ist und weniger bürokratische Hürden bei der Nachrüstung bestehender Gebäude bietet. TÜV SÜD hat spezielle Varianten entwickelt: BREEAM DE Neubau und BREEAM DE Bestand. Damit wird sichergestellt, dass auch internationale Standards lokale Anforderungen erfüllen.

Marx von der DAkkS (Deutsche Akkreditierungsstelle) merkt an: "Unter den wenigen Systemen, die das QNG-Siegel erwirken, ist DGNB das bekannteste und geeignetste." Das klingt nach einer Empfehlung für DGNB, aber es zeigt auch, dass die Wahl eng gefasst ist. Wenn Ihr Ziel die maximale staatliche Förderung ist, führt kein Weg an der DGNB vorbei. Wenn Sie jedoch ein internationales Portfolio managen und Vergleichbarkeit benötigen, kann BREEAM die bessere Wahl sein.

Ein wichtiger technischer Unterschied: DGNB bewertet den Lebenszyklus eines Gebäudes über 50 Jahre hinweg anhand von etwa 40 Kriterien. BREEAM nutzt bis zu neun Kategorien. Beide Systeme sind punktebasiert, aber die Gewichtung der Kriterien unterscheidet sich. DGNB legt stärkeren Wert auf ökonomische Aspekte und soziale Verträglichkeit, während BREEAM traditionell ökologische Faktoren in den Vordergrund stellt.

Die Rolle der EU-Taxonomie und zukünftige Trends

Die Zukunft der Immobilienzertifizierung wird maßgeblich von Brüssel bestimmt. Die EU-Taxonomie definiert, was als "nachhaltig" gilt. Dies betrifft nicht nur Banken, sondern auch alle Immobilienbesitzer, die investieren oder berichten müssen. Die DGNB hat angekündigt, alle zukünftigen Entwicklungen ihres Systems an den Kriterien der EU-Taxonomie auszurichten. Das bedeutet: Eine DGNB-Zertifizierung wird zunehmend auch als Nachweis für die Taxokonformität dienen.

Diese Harmonisierung ist ein großer Schritt. Bisher war es mühsam, nationale Zertifikate mit europäischen Vorgaben abzugleichen. In Zukunft soll die DGNB als Brücke fungieren. Das erhöht die Attraktivität des Systems für Investoren, die unter die CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) fallen. Diese Richtlinie verpflichtet große Unternehmen zur detaillierten Nachhaltigkeitsberichterstattung. Ohne standardisierte Daten aus einem Zertifikat ist das kaum machbar.

Experten prognostizieren, dass bis 2030 über 70 Prozent aller Neubauvorhaben in Deutschland ein Nachhaltigkeitszertifikat haben werden. Der Treiber ist nicht nur der Umweltgedanke, sondern der finanzielle Druck. Banken gewähren grüne Kredite mit besseren Konditionen, wenn die Immobilie zertifiziert ist. Mieter fordern gesündere Wohnräume. Und der Gesetzgeber schärft die Regeln.

Zukunftsorientiertes Wolkenkratzer-Design mit EU-Taxonomie-Datenströmen

Praxisratgeber: So starten Sie richtig

Wenn Sie planen, Ihre Immobilie zu zertifizieren, sollten Sie frühzeitig handeln. Der Prozess ist komplex und erfordert detaillierte Prüfungen durch unabhängige Auditoren. Hier sind die wichtigsten Schritte:

  • Frühzeitige Planung: Integrieren Sie die Kriterien schon in der Entwurfsphase. Nachträgliche Anpassungen sind teuer und oft unmöglich.
  • Systemauswahl: Entscheiden Sie basierend auf Ihrer Zielgruppe. Neubau und KfW-Förderung? Dann DGNB. Bestand und internationaler Fokus? Dann BREEAM.
  • Dokumentation: Sammeln Sie alle Unterlagen digital. Tools wie Building Information Modeling (BIM) erleichtern die Datengrundlage erheblich.
  • Auditor wählen: Engagieren Sie einen geprüften Auditor frühzeitig. Er kann Schwachstellen identifizieren, bevor das finale Gutachten anfällt.
  • Nachaudit planen: Zertifikate sind oft zeitlich begrenzt. Planen Sie regelmäßige Nachaudits ein, um die Gültigkeit aufrechtzuerhalten.

Viele vergessen, dass die Zertifizierung kein einmaliges Event ist. Sie ist ein laufender Prozess. Besonders bei Bestandsimmobilien ändert sich der Zustand durch Sanierungen oder neue Technologien. Ein aktuelles Zertifikat signalisiert Mietern und Investoren, dass das Gebäude gepflegt und zukunftsfähig ist.

Fazit: Mehr als nur ein Label

Nachhaltige Immobilienzertifizierung ist heute kein Nischenthema mehr. Sie ist ein zentraler Werttreiber. Ob DGNB, BREEAM oder LEED - jedes System bietet Vorteile. In Deutschland ist die DGNB aufgrund der engen Verknüpfung mit staatlicher Förderung und lokaler Praxis die sicherste Wahl für die meisten Projekte. Aber bleiben Sie flexibel. Die Landschaft verändert sich schnell durch die EU-Taxonomie und neue Berichtspflichten. Informieren Sie sich regelmäßig und lassen Sie sich von Experten beraten, um den maximalen Nutzen aus Ihrer Investition zu ziehen.

Ist die DGNB-Zertifizierung für jede Immobilie sinnvoll?

Für Neubauten in Deutschland ist die DGNB oft die beste Wahl, da sie den höchsten Marktanteil hat und direkt mit KfW-Förderungen verknüpft ist. Bei Bestandsimmobilien oder internationalen Projekten kann BREEAM flexibler und kosteneffizienter sein. Es hängt immer vom konkreten Ziel ab: Förderung, Prestige oder internationale Vergleichbarkeit.

Was kostet eine Nachhaltigkeitszertifizierung?

Die Kosten variieren stark je nach Größe und Komplexität des Gebäudes sowie dem gewählten System. Sie setzen sich zusammen aus Gebühren für den Auditor, Prüfungsleistungen und eventuellen Nachaudits. Oft liegen die Kosten zwischen mehreren tausend und zehntausend Euro. Diese Investition amortisiert sich jedoch häufig durch höhere Mieten, niedrigere Betriebskosten und staatliche Förderungen.

Wie lange dauert der Zertifizierungsprozess?

Der Prozess kann mehrere Monate dauern, abhängig davon, wie gut die Dokumentation vorbereitet ist. Bei Neubauten sollte die Planung parallel zum Baufortschritt laufen. Bei Bestandsimmobilien muss zunächst ein Ist-Zustand ermittelt werden. Frühzeitige Einbindung eines Auditors kann den Zeitraum deutlich verkürzen.

Welchen Einfluss hat die EU-Taxonomie auf die Zertifizierung?

Die EU-Taxonomie wird zunehmend zum Maßstab. Systeme wie die DGNB passen ihre Kriterien an, um Taxokonformität zu gewährleisten. Das bedeutet, dass ein Zertifikat in Zukunft nicht nur ökologische Qualität, sondern auch die Einhaltung europäischer Regulierungen nachweist. Das ist besonders für Unternehmen wichtig, die unter die CSRD-Berichtspflicht fallen.

Kann ich meine Immobilie nachträglich zertifizieren lassen?

Ja, insbesondere bei Bestandsimmobilien. Systeme wie BREEAM DE Bestand oder DGNB für Sanierung bieten hier spezifische Wege. Allerdings ist es schwieriger, höchste Stufen wie Platin zu erreichen, da viele Kriterien bereits im Entwurf festgelegt werden müssen. Dennoch lohnt sich die Zertifizierung, um den Marktwert zu steigern und Mieter zu binden.

Was ist der Unterschied zwischen QNG und DGNB?

Das QNG (Qualitätssiegel nachhaltiges Gebäude) ist ein Dachlabel der Bundesregierung. Um es zu erhalten, müssen Sie nach einem der vier anerkannten Systeme (darunter DGNB) zertifiziert sein. DGNB ist also eines der Mittel, um das QNG zu bekommen. Das QNG selbst ist keine separate Zertifizierung, sondern ein Nachweis der Konformität mit staatlichen Standards.

Wer prüft die Zertifizierung?

Unabhängige, akkreditierte Auditoren führen die Prüfung durch. Diese müssen von den jeweiligen Zertifizierungsgesellschaften (wie der DGNB oder BREEAM) zugelassen sein. Die DAkkS (Deutsche Akkreditierungsstelle) überwacht die Qualität dieser Prüfstellen, um Objektivität und Zuverlässigkeit zu garantieren.