Ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen, ist eine der größten finanziellen Entscheidungen im Leben. Doch was, wenn die Immobilie, die du gerade ins Auge gefasst hast, versteckte Schäden hat? Feuchtigkeit im Keller, alte Rohre, mangelhafte Dämmung, oder gar Altlasten im Boden? Die meisten Käufer vertrauen auf das, was der Makler sagt - und zahlen später den Preis. Laut einer Umfrage von ImmowertReal aus März 2024 haben 68% der Käufer in Österreich auf einen Bausachverständigen verzichtet. Die Folge? Durchschnittlich 18.500 Euro an nachträglichen Reparaturkosten.
Doch es geht nicht nur um Geld. Es geht darum, dass du nach dem Kauf nicht in einem Haus wohnst, das dich nachts wach hält, weil du dir Sorgen machst, was als Nächstes kaputtgeht. Ein Bausachverständiger ist nicht teuer - er ist eine Versicherung. Und wie jede gute Versicherung zahlt er sich aus, wenn es darauf ankommt.
Was macht ein Bausachverständiger wirklich?
Ein Bausachverständiger ist kein Bauleiter, kein Architekt und auch kein Makler. Er ist ein unabhängiger Prüfer, der nur einem Ziel dient: dir zu sagen, was wirklich in der Immobilie steckt. Er misst den Wohnraum, prüft die Dachkonstruktion, untersucht die Elektroinstallation, prüft die Abdichtung von Bädern und Sockeln, und prüft, ob die Wände wirklich so gedämmt sind, wie es der Energieausweis behauptet.
Die Deutsche Sachverständigen Gesellschaft für Gebäudebewertung (DSGV) verlangt für die Zertifizierung als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger mindestens 10 Jahre Berufserfahrung und 100 dokumentierte Gutachten. Das ist kein Zufall. Es bedeutet, dass dieser Mensch schon Hunderte von Häusern gesehen hat - und weiß, wie sich ein mangelhafter Dachstuhl anfühlt, wie sich eine alte Heizungsleitung anhört, wenn sie tropft, und wie sich ein feuchter Keller riecht, bevor man ihn sieht.
Ein Gutachten ist kein Formular. Es ist eine Geschichte. Eine Geschichte über das Haus, seine Schwächen, seine Stärken, und was du in den nächsten 10 Jahren damit zu tun haben wirst. Ein guter Sachverständiger listet nicht nur auf: „Dach ist in Ordnung“. Er sagt: „Dachziegel aus 1987, 30% beschädigt, Dachrinne verstopft, keine Ringanker in den Außenwänden - Erneuerung innerhalb von 5 Jahren notwendig.“
Was muss ein Gutachten enthalten?
Ein qualitativ hochwertiges Gutachten enthält mindestens diese sieben Punkte - und nichts anderes zählt:
- Bruttogrundfläche und Geschossfläche: Stimmt die Fläche, die im Angebot steht? Oder wurde sie mit einer ungenauen Methode berechnet?
- Baujahr und Bauweise: Ist es ein Massivhaus aus den 70ern? Oder ein Holzrahmenbau aus 2003? Das bestimmt, was kaputtgehen kann.
- Baulicher Zustand: Nicht „gut“ oder „schlecht“. Sondern: „Dämmung der Außenwand hat 40% Feuchtigkeit, Wärmebrücken an Fensteranschlüssen, keine Isolierung zwischen Erdgeschoss und Dachboden.“
- Dokumentierte Baumängel: Jeder Mangel muss mit Ort, Art und Dringlichkeit beschrieben sein. Nicht „Badezimmer undicht“, sondern „Abdichtung der Duschwanne brüchig, Fugenriss von 3 mm, Feuchtigkeit bis in die Wandhöhe von 80 cm nachgewiesen.“
- Energetische Bewertung: Seit Januar 2024 ist das Pflicht. Der Energieausweis muss mit den tatsächlichen Messungen verglichen werden. Viele Ausweise sind veraltet oder falsch.
- Rechtliche Rahmenbedingungen: Gibt es Baulasten? Ist das Haus unter Denkmalschutz? Gibt es ein Recht der Nachbarn auf Licht oder Sicht? Das prüft der Sachverständige am Baulastenverzeichnis.
- Empfehlungen zur Instandsetzung: Was muss jetzt gemacht werden? Was kann warten? Und was kostet das?
Diese Punkte sind nicht optional. Sie sind die Grundlage dafür, dass du später nicht vor Gericht sitzt, weil du behauptest, du hättest „nicht gewusst“.
Die 15 Dokumente, die du vor der Besichtigung bereitstellen musst
Ein Bausachverständiger kann nicht alles sehen - er braucht Informationen. Wenn du ihm nur den Grundriss gibst, aber nicht die Baugenehmigung, dann sieht er nur die Hälfte. Wenn du den Grundbuchauszug nicht vorlegst, dann weiß er nicht, ob das Haus wirklich dir gehört - oder ob ein Nachbar ein Recht darauf hat.
Sammele diese Dokumente vor der Besichtigung. Die meisten Käufer vergessen sie - und das ist der größte Fehler.
- Aktueller Grundbuchauszug (Abteilung I, II und III)
- Liegenschaftskarte (amtlich)
- Baugenehmigung mit allen Auflagen
- Protokolle der letzten 3 Eigentümerversammlungen (bei Eigentumswohnungen)
- Aktueller Wirtschaftsplan
- Belege für Mieteinnahmen (falls vermietet)
- Höhe des monatlichen Hausgelds
- Wohnflächenberechnung nach DIN 277
- Kubatur des Gebäudes
- Grundrisse mit genauen Maßangaben
- Ansichten und Schnitte des Gebäudes
- Baubeschreibung (aus der Bauphase)
- Aktueller Bodenrichtwert für die Gemeinde
- Unterlagen zur Hausentwässerung (Rohrleitungen, Abwasserkanal)
- Amtlicher Lageplan (falls von der Bank verlangt)
Die Dokumentensammlung dauert durchschnittlich 8-12 Stunden. Aber sie spart dir später Wochen und tausende Euro. Wenn du die Unterlagen nicht hast, sag es dem Sachverständigen. Er kann sie oft nachträglich anfordern - aber es kostet Zeit und Geld. Besser: Du machst es vorher.
Was kostet ein Bausachverständiger?
Die Kosten liegen zwischen 0,3% und 0,5% des Kaufpreises. Bei einer Immobilie von 400.000 Euro sind das 1.200 bis 2.000 Euro. Klingt viel? Dann rechne mal nach:
- Ein undichtes Dach: 15.000-25.000 Euro
- Neue Heizungsrohre: 8.000-12.000 Euro
- Sanierung des Kellers: 10.000-18.000 Euro
- Elektro-Neuverlegung: 6.000-10.000 Euro
Ein Gutachten kostet weniger als eine einzige dieser Reparaturen. Und es verhindert, dass du überrascht wirst.
Ein zertifizierter Sachverständiger kostet durchschnittlich 37% mehr als ein nicht-zertifizierter. Aber er ist 83% zuverlässiger bei der Erkennung schwerwiegender Mängel. Warum? Weil er alle 27 Prüfpunkte nach der BVS-Checkliste abarbeitet - nicht nur die, die ihm Zeit lassen.
Was du sonst noch wissen musst
Ein Gutachten ist kein Schnelltest. Ein erfahrener Sachverständiger braucht 3-4 Stunden für ein Einfamilienhaus. Er misst, klopft, öffnet, prüft, fotografiert und dokumentiert. Wenn er nur 1 Stunde braucht - dann ist er kein Profi.
Die meisten Fehler passieren, weil Käufer:
- Den Grundbuchauszug nicht vor der zweiten Besichtigung anfordern (57% der Fälle)
- Das Baulastenverzeichnis nicht prüfen (63% der Fälle)
- Altlasten nicht untersuchen lassen (49% der Fälle)
- Den Sachverständigen nicht in den Keller oder auf den Dachboden lassen (34% der schwerwiegenden Mängel liegen dort)
Und: Kein Gutachten ist gültig, wenn der Sachverständige nicht persönlich vor Ort war. Das ist seit 2022 gesetzlich vorgeschrieben. Keine Fotos, keine Videos, keine Fernanalyse. Nur: Du, er, das Haus - und die Wahrheit.
Warum du nicht auf einen Makler vertrauen solltest
Makler verkaufen Immobilien. Sie haben ein Interesse daran, dass der Verkauf stattfindet. Sie prüfen durchschnittlich nur 12 von 27 kritischen Prüfpunkten. Sie sehen, ob die Tapete frisch ist. Sie sehen nicht, ob hinter der Tapete Schimmel wächst.
Ein Bausachverständiger hat kein Interesse an deinem Kauf. Er hat nur ein Interesse: dir die Wahrheit zu sagen. Und das ist unbezahlbar.
Was sich 2026 ändert - und warum du jetzt handeln musst
Die Digitalisierung schreitet voran. Seit Januar 2024 nutzen viele Sachverständige digitale Checklisten mit 127 Prüfpunkten, die automatisch mit den gesetzlichen Vorgaben verknüpft sind. Thermografische Kameras erkennen Wärmebrücken und Feuchtigkeit mit einer Trefferquote von 32% höher als früher. KI-Tools werden bald die Auswertung beschleunigen - aber sie ersetzen nicht den Menschen.
Warum? Weil 68% der kritischen Mängel taktile Prüfungen erfordern. Du musst den Putz an der Wand ankratzen. Du musst in die Dachbalken schauen. Du musst die Dichtung im Keller fühlen. Keine Kamera kann das.
Die Bundesregierung plant für 2026 eine weitere Verschärfung der Anforderungen - besonders bei der energetischen Bewertung. Wer jetzt nicht prüft, wird später mit noch höheren Kosten und strengeren Vorschriften konfrontiert.
Was du jetzt tun solltest
Wenn du eine Immobilie kaufst - und du willst, dass sie dir nicht zur Belastung wird - dann tue dies:
- Wähle einen zertifizierten Bausachverständigen - suche nach dem Titel „öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger“ (öBvS). Prüfe seine Zertifizierung bei der DSGV oder dem BVS.
- Sammele alle 15 Dokumente - vor der Besichtigung. Keine Ausreden.
- Lass ihn in alle Bereiche gehen - Keller, Dachboden, Hinterzimmer, Abstellräume. Wenn er nicht hineinkommt, ist das ein Warnsignal.
- Frage nach der Dokumentation: Wird das Gutachten als PDF mit Fotos, Messprotokollen und Erklärungen geliefert? Oder nur als kurzes Papier mit „in Ordnung“?
- Verhandle den Kaufpreis: 76% der Käufer, die einen Sachverständigen beauftragt haben, konnten den Preis um durchschnittlich 8,7% senken - weil sie die Mängel nachweisen konnten.
Ein Bausachverständiger ist kein Luxus. Er ist die einzige Versicherung, die du brauchst, um nicht zum Opfer deiner eigenen Unwissenheit zu werden. Du kaufst nicht ein Haus. Du kaufst ein System - mit Rohren, Wänden, Dächern, Elektrik, Rechten und Pflichten. Und nur jemand, der dieses System kennt, kann dir sagen, ob es noch hält - oder ob es bald einstürzt.
Wann ist ein Bausachverständiger unverzichtbar?
Ein Bausachverständiger ist unverzichtbar, wenn das Haus älter als 30 Jahre ist, wenn es sich um ein denkmalgeschütztes Gebäude handelt, wenn du Verdacht auf Altlasten hast (z. B. alte Ölheizung, Chemikalienlager), oder wenn du eine Eigentumswohnung in einem älteren Mehrfamilienhaus kaufst. Auch bei Kauf über eine Zwangsversteigerung oder bei Immobilien mit unklarem Baurecht ist er Pflicht. In diesen Fällen sind die Risiken so hoch, dass ein einfacher Schnelltest nicht ausreicht.
Kann ich den Gutachter von der Bank vorgeschrieben bekommen?
Nein. Die Bank darf dir keinen Gutachter vorschreiben - aber sie kann verlangen, dass du einen beauftragst, bevor sie dir das Darlehen gibt. Du hast das Recht, selbst zu wählen. Wähle jemanden, der unabhängig ist und nicht mit dem Makler oder Verkäufer zusammenarbeitet. Ein Gutachter, der vom Verkäufer bezahlt wird, ist kein unabhängiger Gutachter.
Was passiert, wenn der Gutachter etwas entdeckt?
Wenn der Gutachter Mängel findet, hast du mehrere Optionen: Du kannst den Kaufpreis senken, du kannst vom Kauf zurücktreten (wenn du eine Kaufoption mit Prüfungsklausel hast), oder du kannst vom Verkäufer verlangen, dass er die Mängel vor dem Kauf behebt. In jedem Fall hast du einen schriftlichen Nachweis - und das ist der Schlüssel, um dich rechtlich abzusichern.
Wie lange ist ein Gutachten gültig?
Ein Gutachten ist rechtlich gesehen so lange gültig, wie sich der Zustand der Immobilie nicht verändert hat. In der Praxis wird es jedoch oft nur für den Kaufvertrag verwendet. Wenn du später verkaufst, musst du ein neues Gutachten erstellen lassen - denn der neue Käufer wird es verlangen. Ein Gutachten aus dem Jahr 2024 ist also kein Beweis für den Zustand im Jahr 2028.
Kann ich ein Gutachten nachträglich machen lassen?
Ja - aber es ist sinnlos. Ein Gutachten nach dem Kauf kann dir helfen, Reparaturen zu planen - aber nicht, den Kaufpreis zu senken oder den Vertrag zu anfechten. Der Wert eines Gutachtens liegt in der Vorbereitung - nicht in der Nachbereitung. Wenn du es nach dem Kauf machst, hast du schon gezahlt - und die Mängel sind jetzt deine Verantwortung.
Max Summerfield
Februar 11, 2026 AT 22:14