Barrierefreiheit im Denkmal: Praktische Lösungen trotz Denkmalschutz

Barrierefreiheit im Denkmal: Praktische Lösungen trotz Denkmalschutz

Anneliese Kranz 14 Jan 2026

Ein historisches Gebäude soll für alle zugänglich sein - aber der Denkmalschutz verbietet Änderungen. Das klingt wie ein Unding. Tatsächlich ist es ein Alltagskampf in vielen Städten und Dörfern Österreichs und Deutschlands. Ob in Graz, Berlin oder München: Jedes Jahr stehen Architekten, Denkmalpfleger und Menschen mit Behinderungen vor der gleichen Frage: Wie macht man ein Denkmal barrierefrei, ohne es zu zerstören?

Warum ist das überhaupt ein Problem?

Viele Denkmäler sind Hunderte Jahre alt. Sie haben Treppen statt Aufzüge, schmale Türen, hohe Schwellen, Kopfsteinpflaster vor dem Eingang. Für jemanden im Rollstuhl, mit einem Gehstock oder mit Sehbehinderung ist das oft unüberwindbar. Die UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland 2009 ratifiziert hat, sagt klar: Jeder Mensch hat das Recht, Kultur zu erleben - egal ob mit oder ohne Behinderung. Das gilt auch für Museen, Schlösser, Kirchen und alte Rathäuser.

Doch der Denkmalschutz will die historische Substanz bewahren. Keine neuen Fassaden, keine eingebauten Aufzüge, keine veränderten Fenster. Das ist verständlich. Aber es führt zu einem Stillstand. Menschen mit Behinderungen bleiben draußen. Und das ist kein technisches, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Was erlaubt das Gesetz?

Es gibt keine einheitliche Regelung in Deutschland. Jedes Bundesland macht das anders. In Nordrhein-Westfalen steht seit 2023 klar: Wenn ein Denkmal öffentliche Bildung dient - also ein Museum, eine Bibliothek oder ein Rathaus -, dann muss es schrittweise barrierefrei werden. Es sei denn, das Erhaltungsinteresse ist so stark, dass es den Zugang unmöglich macht. Das ist ein wichtiger Schritt. Früher hieß es oft: „Das geht nicht.“ Heute heißt es: „Wir finden eine Lösung.“

In Berlin ist die Haltung anders. Die Denkmalbehörden arbeiten eng mit Betroffenen zusammen. Sie fragen nicht: „Was ist verboten?“, sondern: „Was ist möglich?“ Sie prüfen jeden Entwurf anhand von klaren Kriterien: Ist der Eingriff notwendig? Ist er reversibel? Ist er optisch unauffällig? Und vor allem: Hat man die Menschen mit Behinderung wirklich eingebunden?

Was funktioniert wirklich - ohne das Denkmal zu beschädigen?

Es gibt keine Patentrezepte. Aber es gibt bewährte Lösungen. Die wichtigsten Prinzipien sind einfach: additiv, reversibel und minimal.

  • Externe Aufzüge aus Glas: Sie sehen aus wie gläserne Treppen. Sie verändern die Fassade nicht, lassen Licht durch und sind leicht abzubauen. In vielen Schlössern, etwa in Sanssouci, wurden solche Aufzüge erfolgreich installiert.
  • Rampe mit Holz oder Edelstahl: Eine sanft ansteigende Rampe, die sich an die vorhandene Stufenstruktur anpasst, ist oft besser als ein Aufzug. Sie wird aus Materialien gebaut, die sich farblich oder texturiert dem Umfeld anpassen - etwa Holz, das wie die alte Türschwelle wirkt.
  • Taktile Bodenleitstreifen: Für blinde oder sehbehinderte Menschen sind Leitstreifen aus anderen Materialien als das Pflaster entscheidend. Sie führen sicher zum Eingang, ohne den Boden zu verändern.
  • Türdrücker auf Rollstuhlhöhe: Das kostet kaum Geld, aber es macht einen riesigen Unterschied. Und es ist oft die einzige Maßnahme, die nötig ist.
  • Visuelle Informationen: Für gehörlose Menschen: QR-Codes, die Videos mit Gebärdensprache abspielen, oder digitale Info-Tafeln mit Text und Bildern. Kein Eingriff in den Bau, nur digitale Ergänzung.
Holzrampe mit handgefertigtem Geländer führt sanft zum Eingang eines alten Kirchengebäudes.

Warum scheitern viele Projekte?

Weil sie zu spät anfangen. Viele Architekten denken erst nach dem Entwurf an Barrierefreiheit. Dann ist es zu spät. Die Rampe passt nicht mehr, der Aufzug würde die Wand durchbrechen. Das Ergebnis: teuer, hässlich, nicht genehmigt.

Die Lösung: Frühzeitig mit Menschen mit Behinderung sprechen. Nicht nur mit Verbänden, sondern mit Einzelpersonen. Wer im Rollstuhl sitzt, weiß, was eine Rampe wirklich braucht - nicht die Norm, nicht der Planer, nicht die Behörde. Der Nutzer.

Ein Beispiel aus der Praxis: In einem alten Kirchturm in Bayern wollten die Planer einen Aufzug einbauen. Der Denkmalschutz lehnte ab. Dann wurde ein kleiner Hublift außen an die Wand montiert - aus Aluminium, mit einer transparenten Kabinenwand. Er ist kaum sichtbar, lässt das Dachgeschoss zugänglich und kostete weniger als 20.000 Euro. Und er wurde von den Besuchern mit Behinderung als „endlich mal etwas, das uns gehört“ bezeichnet.

Was ist mit Brandschutz und Klimaschutz?

Barrierefreiheit ist nicht die einzige Hürde. Auch Brandschutz, Dämmung und Energieeffizienz müssen passen. Ein Aufzug braucht Strom. Eine Rampe braucht Fundamente. Ein neues Fenster für bessere Sicht könnte die Isolierung ruinieren.

Hier kommt die interdisziplinäre Zusammenarbeit ins Spiel. Ein Architekt allein kann das nicht lösen. Es braucht einen Denkmalpfleger, einen Gebäudetechniker, einen Barriere-Experten und einen Nutzer. Nur so entstehen Lösungen, die alle Anforderungen erfüllen - und nicht nur eine.

Mensch mit Sehbehinderung nutzt Smartphone, um AR-Inhalte zu einem historischen Gebäude abzurufen.

Was kommt als Nächstes?

Die Zukunft liegt in der Digitalisierung. Kein Eingriff in den Stein, aber volle Teilhabe. Audio-Guides mit Echtzeit-Übersetzung in Gebärdensprache. Augmented Reality, die über das Handy zeigt, wo der Zugang ist - und wie man ihn nutzt. Digitale Tastmodelle, die die Struktur eines Barocksaales ertasten lassen, ohne etwas zu berühren.

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten plant bis 2025, alle Hauptgebäude barrierefrei zu erschließen. Das ist kein Traum, sondern eine Verpflichtung. Und es ist machbar - wenn man es von Anfang an mitdenkt.

Was können Sie tun?

Wenn Sie ein Denkmal besitzen, verwalten oder nutzen: Fangen Sie früh an. Sprechen Sie mit Menschen mit Behinderung. Holen Sie sich Beratung vom Landesamt für Denkmalpflege. Schauen Sie sich erfolgreiche Beispiele an - in Berlin, in Nordrhein-Westfalen, in der Schweiz.

Es geht nicht darum, das Denkmal zu verändern. Es geht darum, es für alle lebendig zu halten. Ein Denkmal, das nur für einige zugänglich ist, ist kein Denkmal mehr. Es ist eine Museumsattrappe.

Kann man einen Aufzug in ein Denkmal einbauen, ohne es zu beschädigen?

Ja, aber nur als externe Lösung. Glas-Aufzüge, die außen an die Fassade montiert werden, sind die beste Option. Sie verändern den historischen Bestand nicht, sind reversibel und oft kaum sichtbar. Innenaufzüge sind fast immer ausgeschlossen, weil sie Wände, Bodenplatten oder Tragkonstruktionen beeinträchtigen würden.

Gibt es Fördermittel für barrierefreie Maßnahmen an Denkmälern?

Ja, in vielen Bundesländern gibt es spezielle Förderprogramme. In Nordrhein-Westfalen und Berlin werden Projekte zur denkmalverträglichen Barrierefreiheit mit bis zu 70 Prozent gefördert. Auch der Deutsche Denkmalschutzfonds und die Kulturstiftung der Länder unterstützen solche Maßnahmen. Wichtig: Anträge müssen vor Baubeginn gestellt werden.

Warum sind Rampen oft besser als Aufzüge?

Rampen sind einfacher, günstiger und oft akzeptabler. Sie brauchen keine Technik, keine Wartung, keine Stromversorgung. Sie sind für Menschen mit Rollstuhl, Gehhilfe, Kinderwagen oder Lasten gleichermaßen nutzbar. Und wenn sie gut geplant sind - mit passendem Gefälle, Handlauf und Material -, fügen sie sich harmonisch in das Denkmal ein. Ein Aufzug ist oft ein technischer Fremdkörper.

Was ist mit Kopfsteinpflaster vor dem Eingang?

Kopfsteinpflaster ist ein Problem - aber kein absolutes Verbot. Lösungen: Ein schmaler, flacher Gehweg aus flachem Stein oder Betonstein wird parallel zum Pflaster verlegt. Er ist leicht zu entfernen, wenn nötig. Alternativ: Taktile Leitstreifen aus anderen Materialien, die die Richtung anzeigen. Die Pflasterfläche bleibt erhalten, aber der Weg ist sicher.

Warum ist die Einbindung von Betroffenen so wichtig?

Weil niemand besser weiß, was ein Problem ist, als der, der es täglich erlebt. Ein Architekt denkt an die Norm. Ein Nutzer weiß, dass eine Rampe mit 1:12 Gefälle in der Praxis zu steil ist, wenn sie im Wind steht. Oder dass ein Türöffner auf 1,10 Meter Höhe für jemanden im Rollstuhl unerreichbar ist. Ohne diese Erfahrung bleibt jede Lösung theoretisch - und oft ineffektiv.